Vanessas weiter Weg…

Der Laufsport gehört von Beginn an zum Leben von Vanessa Mikitenko. Das Foto vom 31. Dezember 2005, aufgenommen auf dem Hauptmarkt in Trier, zeigt sie als Baby im Zielbereich auf dem Arm von Mama Irina, die beim Silvesterlauf gerade ihr Wettkampf-Comeback nach der Geburt ihrer Tochter gefeiert hat.
Zeitsprung: Im Juli 2026 gewinnt Vanessa ihren ersten großen deutschen Meistertitel. Über 5000 Meter der Frauen. Ein weiter Weg liegt dazwischen, doch er wird noch viel weiter führen. Vanessa hat ihre Leistungsfähigkeit noch lange nicht ausgereizt. Ihr Trainer Benjamin Stalf, mit dem die 21-Jährige bereits seit acht Jahren zusammenarbeitet, setzt auf einen langfristigen Aufbau. Mit ihrem Vereinswechsel zum rheinland-pfälzischen Leichtathletik-Spitzenklub Silvesterlauf Trier hat sie die Profilaufbahn eingeschlagen. Das Fachportal leichtathletik.de dreht den Scheinwerfer. Auf die zurückliegenden Jahre, auf die Zukunft…
Im vergangenen Sommer steigerte Vanessa ihre Bestzeit über 5.000 Meter auf 15:18,77 Minuten, holte in Bochum-Wattenscheid ihren ersten nationalen Titel in der Frauenklasse und qualifizierte sich für ihre erste EM bei den Aktiven, bei der die Langstrecklerin auf Rang 14 lief. Diese ersten Erfolge außerhalb der Nachwuchsklassen haben Selbstvertrauen gegeben und noch mehr Motivation: Die Aufsteigerin vom Trierer Silvesterlauf-Verein will mehr! Und sie traut sich auch mehr zu.
Im kommenden Jahr ist zunächst noch Geduld gefragt, bevor sie sich der ganz großen Konkurrenz stellt und den Fokus auf die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 richtet, denn es steht noch ein Jahr in der U23-Klasse mit einer EM an. Bei dieser Meisterschaft hat die Läuferin im vergangenen Jahr schon Silber gewonnen.
Den Weg zum Laufen selbst gefunden
Vanessas Mutter Irina feierte ihre größten Erfolge im Marathon. Sie hält noch immer den deutschen Rekord (2:19:19 Stunden). Gelaufen 2008, als Tochter Vanessa drei Jahre alt war. Vater Alexander war als Trainer ebenfalls mittendrin in der Laufszene. „Ich bin mit dem Laufen groß geworden“, erzählt Vanessa Mikitenko. Dennoch meldeten sie ihre Eltern nicht so früh wie möglich bei einem Verein in ihrem Heimatort Somborn in Hessen an. Welche Sportart ihr lag, entdeckte sie als Grundschülerin nach und nach selbst. „Ich habe vieles ausprobiert, zum Beispiel Tennis gespielt und in der Schule verschiedene AGs gemacht.“ Schließlich begleitete sie eine Freundin zum Leichtathletik-Training im Nachbarort beim SSC Hanau-Rodenbach. „Da war ich zehn oder elf Jahre alt. Und der Schwerpunkt im Verein war das Laufen. Irgendwie hat mich das dann wohl doch angezogen.“
Bei Trainer Mohammed Gassem waren die ersten Erfahrungen spielerisch. Bei ihren ersten 5-Kilometer-Rennen lief die Neueinsteigerin ihrer gleichaltrigen Konkurrenz dennoch bereits davon. Auch Benjamin Stalf, damals Nachwuchs-Landestrainer Lauf im Hessischen Leichtathletik-Verband (HLV), wurde auf die junge Läuferin aufmerksam. Die bis heute andauernde Zusammenarbeit begann 2018. Zunächst einmal war das Laufen ein Hobby und wurde erst nach und nach ambitionierter. 2019 gewann sie beim Silvesterlauf in Trier den Schülerinnen-Lauf über zwei Kilometer. Nach ersten Titeln auf Hessen-Ebene führte Vanessa als W15-Athletin mit 18:22 Minuten im Jahr 2020 die DLV-Bestenliste ihrer Altersklasse über fünf Kilometer an.
Erste internationale Auftritte
In der Altersklasse U18 gehörte Vanessa Mikitenko zur nationalen Spitze, war aber keine Überfliegerin. Bei ihrer ersten Jugend-DM verpasste sie 2021 als Vierte über 3.000 Meter (9:57,14 min) eine Medaille knapp. Ein Jahr später steigerte sich die damals 16-Jährige auf 9:41,92 Minuten und qualifizierte sich für die U18-EM in Jerusalem (Israel). Dort musste die Hessin schmerzlich erfahren, was passiert, wenn sie ein Rennen zu schnell angeht. Dehydriert und nach einem Sturz auf der Zielgeraden schleppte sich die Nachwuchsläuferin als 13. durchs Ziel (10:18,15 min). Als Erfolgserlebnis gab es später in der Saison mit Bronze immerhin die erste Medaille bei einer Jugend-DM.
Trotz der nicht immer positiven Erlebnisse wuchs die Leidenschaft für die Leichtathletik. „Es hat mir Spaß gemacht, besser zu werden und an meinen Zielen zu arbeiten. Man hat sich immer etwas Neues erträumt und immer mehr geschafft.“ Um im Alltag ihr Training noch besser verfolgen zu können, zog die Nachwuchsathletin 2022 nach Frankfurt ins Sportinternat. Eine Schulzeitstreckung ermöglichte es ihr, länger in Trainingslagern unterwegs zu sein – bedeutete aber auch ein Jahr mehr bis zum Abitur.
Erster Sieg bei der Jugend-DM
Die Zeit in der Altersklasse U20 begann 2023 mit Platz fünf über 3.000 Meter (9:33,11 min) bei der U20-EM, die ebenfalls in Jerusalem stattfand, mit einer positiven Erfahrung bei einer internationalen Meisterschaft. Im zweiten U20-Jahr folgte ein weiterer bitterer Moment: Bei der U20-WM in Lima (Peru) musste sie krankheitsbedingt auf den Start im Finale verzichten, den sie sich mit einem erfolgreichen Vorlauf bereits gesichert hatte. Auf nationaler Ebene klappte es indes endlich mit dem ersten Titel bei der Jugend-DM (9:45,80 min). Dieser setzte noch einmal neue Energie frei und offenbarte, welcher Erfolgshunger in der Athletin steckt. „Ich war vorher noch nie Erste. Das hat dann süchtig gemacht. Ich wollte das unbedingt wieder schaffen.“
Über 5.000 Meter auf der Bahn, die in der U20 auch bei internationalen Meisterschaften gelaufen werden, absolvierte die damals 18-Jährige in 15:55,70 Minuten zwar ihr erstes Rennen und führte die DLV-Bestenlisten ihrer Altersklasse an. Weitere Rennen auf dieser Distanz sah der Saisonplan aber nicht vor. Auch das war Teil des vorgesehenen behutsamen Aufbaus.
U23 bringt erste internationale Medaille
Erst mit dem Aufstieg in die U23 im vergangenen Jahr wurden die 5.000 Meter zur Hauptstrecke. Und alle drei Saison-Rennen über diese Distanz waren ein Erfolgserlebnis. Es ging los mit der Bestzeit von 15:28,93 Minuten in Karlsruhe, danach machte Vanessa Mikitenko mit ihrem Sieg bei der U23-DM (15:39,79 min) endgültig das Ticket zur U23-EM in Bergen (Norwegen) klar, bei der sie mit Silber (15:51,97 min) ihre erste Medaille auf internationaler Ebene feiern durfte. Besser hätte es kaum laufen können.
Gerade vor wichtigen Rennen profitiert die Langstrecklerin davon, dass ihre Eltern solche Situationen selbst erlebt haben. „Da bin ich wirklich privilegiert“, so die 21-Jährige. „Wenn ich zum Beispiel vor einem Meisterschaftsrennen nervös bin, kann ich auf die Erfahrung meiner Mutter bauen. Sie ist für mich dann wie eine Sportpsychologin, die mich aber viel besser kennt.“ Über Jahre immer weiter gewachsen ist auch das Vertrauen zu Trainer Benjamin Stalf, zu dessen Trainingsgruppe unter anderem auch die U20-Europameisterin über 800 Meter Jana Becker (Königsteiner LV) gehört. Die kontinuierliche, gemeinsame Arbeit führte auch auf den Unterdistanzen Jahr für Jahr zu neuen Bestzeiten. Über 1.500 Meter ist Vanessa beispielsweise bei 4:10,10 Minuten angekommen.
Nächste Karriereschritte trotz Abitur
Das Jahr 2026 begann mit einem weiteren Schritt der Professionalisierung, dem Vereinswechsel zu Silvesterlauf Trier. Andererseits war neben dem Sport noch eine andere Aufgabe zu erledigen, die Zeit und Energie beanspruchte: Das Abitur nach der auf 14 Jahre gestreckten Schulzeit. Nur einen Tag nach ihrer letzten Prüfung im Juni steigerte Vanessa Mikitenko in Nizza (Frankreich) ihre Bestzeit auf 15:18,77 Minuten. „Das war stressig.“
Nach der erfolgreichen Titelverteidigung bei der U23-DM (16:16,69 min) spurtete die Abiturientin dann auch im Wattenscheider Lohrheidestadion zu Gold bei den deutschen Meisterschaften in der Frauenklasse. Auch dank der Tempoarbeit ihrer Trainingspartnerin Sarah Köcher (Königsteiner LV) zu Beginn des Rennens kam dabei mit 15:29,49 Minuten eine Zeit heraus, die über das Punktesystem im World Ranking die Qualifikation für die EM in Birmingham (Großbritannien) sicherte.
In einem taktisch geprägten Rennen, das bis zum letzten Kilometer langsam verlief und von Rempeleien gekennzeichnet war, belegte die deutsche Meisterin dort Rang 14 (15:54,49 min) und sammelte wertvolle Erfahrung. „Es war eine wichtige Saison für mich, aus der ich wieder viel für die kommenden Jahre mitnehmen kann.“ In diese wird sie als Studentin gehen. Zum gerade anlaufenden Wintersemester hat sie ein Fernstudium in BWL aufgenommen. „Das ist noch breit gefächert mit vielen Wahlmöglichkeiten, weil ich noch nicht genau weiß, was ich nach dem Sport einmal machen möchte.“
Weiter ein Schritt nach dem anderen
Einen genauen sportlichen Plan für 2027 gibt es noch nicht. Den besprechen Vanessa Mikitenko und ihr Trainer Benjamin Stalf erst noch. An der Schwelle zum nächsten Jahr bestreitet sie selbstverständlich den 37. Bitburger 0,0%-Silvesterlauf in Trier. Letztes Jahr hatte sie in der Moselmetropole bereits als Fünfte und beste Deutsche sogar ihre Klubkollegin Gesa Krause hinter sich gelassen. “Gesa ist nach wie vor ein Vorbild für mich”, sagt sie dennoch über die 13 Jahre ältere, dreimalige Hindernislauf-Europameisterin.
Wichtigster Termin 2027 dürfte für Vanessa die U23-EM in Bydgoszcz/Polen (22. bis 25. Juli) werden. Außerdem steht die WM in Peking (11. bis 19. September) im Wettkampfkalender.
„Ich bin immer diejenige, die Druck macht und mehr will. Mein Trainer sagt immer: Lass uns das mal entspannt und locker angehen“, erzählt die Athletin von Silvesterlauf Trier, die erst am Anfang ihres Weges steht.
Wenn die Mutter mit der Tochter …


